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Leseprobe Fahnenweihe

(vierter Niederbayern-Krimi)

Elena atmete tief durch und straffte ihre Schultern. Es galt etwas Wichtiges zu erledigen. Etwas, bei dem sie nicht gestört werden wollte.

Nachdem Davids Rücklicht in der Dunkelheit verschwunden war, ging sie entschlossen Richtung Eingang und sperrte auf. Als Fahnenbraut hatte Andreas Mayrhofer für sie einen eigenen Schlüssel zum Sportheim anfertigen lassen. Dieses Privileg kam ihr heute Abend sehr zugute. Wie ruhig es zu so später Stunde doch war. Ungewohnt und auch etwas unheimlich. Elena verzichtete darauf, Licht im Treppenhaus zu machen, und schaltete die Taschenlampe an ihrem Mobiltelefon ein. Der Lichtkegel war stark genug, um die einzelnen Stufen hinauf in den ersten Stock zu erkennen, wo sich die Schießanlage befand. Nach einigen Schritten verharrte sie. Hatte sie nicht eben ein Geräusch aus dem Keller gehört? War womöglich noch ein Fußballer in der Umkleidekabine?
Unsinn, meldete sich ihr Verstand. Dann hätte Hannes doch nicht abgesperrt. Angestrengt hielt sie den Atem an und lauschte. Alles blieb ruhig. Nach einigen Sekunden setzte sie ihren Weg in das Obergeschoss fort. Dort angekommen musste sie notgedrungen das Licht anmachen. Aber warum zum Teufel machte sie sich eigentlich ständig Gedanken, dass jemand etwas von ihrem Training mitbekam? Sie war aktive Luftgewehrschützin und konnte trainieren, wann und wie oft sie wollte. Außerdem hatte sie hinter sich abgesperrt. Niemand würde sie also behelligen können. Mit klopfendem Herzen betrat sie den Umkleidebereich, in dem sich auch ihr Spind befand.

Augenblicklich wich ihre innere Unruhe einem Gefühl der Sicherheit. Sie sperrte die Spindtür auf und griff nach der schwarzen Gewehrtasche mit ihrem Luftgewehr. Routinemäßig schraubte sie die Kartusche der Waffe heraus, überprüfte den Luftdruck und befüllte sie dann an der Pressluftflasche. Vorsichtig deponierte sie das Gewehr auf der Ablagefläche am Schießstand und ging sich umziehen. Der schweren Jacke und Hose, die dem Schützen einen guten Stand verliehen, folgten die knöchelhohen Schuhe und schließlich der Handschuh, um das Gewehr ruhig halten zu können. Aus dem angrenzenden Büro holte sie sich einen der hellgelben Streifen, auf dem zehn kleine Zielscheiben abgedruckt waren, spannte ihn an der Zuganlage ein und ließ ihn die zehn Meter nach vorne fahren. Danach folgte ihr immer gleiches Ritual. Sie stellte sich seitlich, die Beine leicht gespreizt, sodass sie einen stabilen Stand hatte und sich auf einer Linie mit der Zuganlage befand, visierte das Ziel probehalber einmal an und ließ ihren Körper allmählich zur Ruhe kommen. Nur auf die Musik, die ansonsten eine Trainingseinheit im  Hintergrund begleitete, verzichtete sie ausnahmsweise. Nichts sollte heute ihre Konzentration stören.

Nachdem sie das Gewehr mit dem kleinen Bleigeschoss geladen hatte, zögerte Elena. Hatte sie wirklich zugesperrt, bevor sie die Treppe hochgegangen war? Sie war in letzter Zeit so vergesslich und wusste oft Minuten später nicht mehr, ob sie eine Sache erledigt oder wo sie etwas abgelegt hatte. Aber jetzt würde sie nicht noch einmal durch das Sportheim rennen und die Eingangstür kontrollieren. Nein – jetzt würde sie das tun, weswegen sie hergekommen war.

Jeder einzelne Handgriff war ihr vertraut, das Ergebnis jahrelangen Trainings und vieler Wettkämpfe. Vieler erfolgreicher Wettkämpfe. Sie holte ein paarmal tief Luft. Jetzt würde es klappen. Eigentlich brauchte sie nicht zu zielen, sie würde die Scheibe auch mit geschlossenen Augen treffen.

Doch beim Training am Vortag hatte sie nicht einmal das Gewehr ruhig halten können. Ihre Hände hatten angefangen zu zittern und jedes Mal, wenn sie angelegt und versucht hatte, sich zu konzentrieren, verschwammen die Zielscheibe und alles um sie herum, als ob sie stark kurzsichtig geworden wäre. Sie hatte versucht, sich die aufkommende Panik vor den anderen nicht anmerken zu lassen, aber hatte deren Neugier wie spitze Nadelstiche auf ihrer Haut gespürt. Natürlich entging niemandem im Raum, dass sie offenbar nicht in der Lage war, einen gezielten Schuss abzugeben.

Schließlich hatte Elena entnervt ihr Gewehr eingepackt und sich mit starken Kopfschmerzen vom Training entschuldigt. Dabei war das nicht einmal gelogen, denn tatsächlich pochte und dröhnte es hinter ihren Schläfen, dass sie zu Hause sofort zwei Schmerztabletten genommen hatte und danach ins Bett gegangen war.

Zum Glück war Bernadette nicht beim Training gewesen, weil sie abends im Hotel noch wichtige Gäste erwarteten. Trotzdem wusste ihre Schwester längst Bescheid, dessen war sich Elena sicher. Die Buschtrommeln im Schützenverein und im Dorf hatten schon immer gut funktioniert und würden auch  jetzt ihren Dienst nicht versagen. Noch hatte Elena ein Zusammentreffen erfolgreich vermieden, was nicht weiter schwierig war, da Bernadette, seit sie im Drei Lilien zur rechten Hand des Hotelchefs befördert worden war, in Altenberg wohnte. Auch den bohrenden Fragen ihrer Eltern war sie bisher  entkommen. Doch sobald die beiden aus ihrem Kurzurlaub zurück waren, würde die Inquisition losgehen, vor allem dann, wenn ihre Schwächephase anhielt und sie nicht nur die kommenden Trainingseinheiten, sondern auch den nächsten Wettkampf in der Gauoberliga absagen musste. Das Gespräch  mit dem sportlichen Leiter, wenn sie ihn anrief und sich krankheitsbedingt abmeldete, würde nicht viel besser werden.

Elena hob das geladene Gewehr und legte es an. Aber so weit würde es nicht kommen. Seit sie für die Schützenabteilung an Wettkämpfen teilnahm, hatte sie kein einziges Mal gefehlt. Sie würde in zehn Tagen dabei sein und mit ihrer Mannschaft den Neulingen aus Bruckberg zeigen, dass Neukirchen in der Vorsaison nicht umsonst Vizemeister geworden war und auch diese Saison wieder ganz oben mitmischen würde. Routiniert atmete sie tief ein, dann etwas aus. Während sie die  Luft anhielt, suchte ihr Zeigefinger den Druckpunkt am Abzug des Gewehres.
Bitte nicht! Ihre Hände fingen an zu zittern, als hielte sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein Luftgewehr in der Hand. Was zum Teufel war nur los mit ihr? Noch einmal setzte sie ab, um nach einigen Sekunden einen neuen Versuch zu wagen. Sie musste alles ausblenden, das durch ihren Kopf geisterte  und sie an ihrer Konzentration hinderte. Ihre Arbeit in Landshut, das Schicksal von Jonas, das schwierige Verhältnis zu Bernadette, bisher hatte sie es stets geschafft, den ganzen Ballast loszulassen, sobald sie ihr Gewehr in den Händen hielt. Das Gewehr, die Zielscheibe und sie, mehr durfte es jetzt nicht geben.

Doch der Albtraum vom Vortag wiederholte sich. Das Zittern der Hände, der verschwommene Blick, der pochende Schmerz in ihrem Kopf. Am liebsten hätte sie laut aufgeschrien. Ohne zu wissen, was sie tat, drückte sie auf den Abzug. Erschöpft ließ sie danach das Gewehr sinken. Ihr Körper  gehorchte ihr nicht mehr. Egal was sie tat und wie sehr sie versuchte, sich zu konzentrieren, es funktionierte nicht. Schluchzend betätigte sie den Schalter, der die Zielscheibe nach vorne fahren ließ, und betrachtete das kleine Loch, das gerade so den fünften Ring ankratzte. Jeder blutige Anfänger schoss  besser als sie.

Ein Geräusch im Vorraum ließ Elena hochschrecken. Sie war nicht allein. Irgendjemand ging festen Schrittes durch den Umkleidebereich.

»Hallo? Ist da wer?«, fragte sie zaghaft.
In diesem Moment wurde die Tür zur Schießanlage aufgerissen. Erschrocken starrte Elena auf die Person im Türrahmen.